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Respekt und Selbstrespekt

 

Respekt und Selbstrespekt

Manche Menschen sind sehr geübt darin, sich selbst zu verurteilen, zu unterdrücken, sich nicht wertzuschätzen und nicht die Sachen umzusetzen, die ihnen Gutes tun. Sie verfallen in ihren Automatismus und tun genau das, was sie eigentlich gar nicht wollen. Sich wieder unterdrücken, sich verurteilen, sich nicht wertschätzen, sich nicht selbst respektieren.

Die Wurzeln für Respekt und Selbstrespekt liegen meist in der Familie. Menschen, deren Eltern ihnen stets mit Respekt, Verständnis und Freundlichkeit begegnet sind, lernen, sich selbst sowie ihre Mitmenschen zu achten und zu respektieren und ihren Wert zu erkennen. Menschen, deren Eltern sich respektlos und herabwürdigend ihnen gegenüber verhalten haben, nehmen den Grundsatz an, dass sie den Respekt nicht verdienen und werden sich selbst folglich mit wenig oder keinem Respekt begegnen. Dieser Mangel an Selbstrespekt erschwert es ihnen wiederum, andere zu respektieren. Zahlreiche Studien belegen diese Erkenntnis, dennoch fällt es einigen Menschen nicht so leicht, das zu akzeptieren. Besonders Menschen, die sich in einer toxischen Beziehung befinden, wie die des Co-Narzissten und Narzissten, verdrängen diese Erkenntnis und erwarten vom Narzissten, respektvoll behandelt zu werden, obwohl sie sich selbst mit keinem Respekt begegnen, indem sie beispielsweise die toxische Dynamik mit dem Narzissten fortführen und sich von ihm, meist jahrelang, respektlos behandeln lassen. Der Spiegel, der den Mangel an Selbstrespekt aufzeigt, wird von dem Co-Narzissten leider nicht gesehen.

Doch Werte, wie Selbstrespekt sind sehr wichtig, denn sie leiten das Verhalten von Menschen und bieten eine Orientierungshilfe, an der sich ein Mensch die Basis seiner Entscheidungen bilden kann. Ein Wert ist also ein Leitprinzip des Handelns, sozusagen das, was Menschen wichtig finden, was eine Person als für sich und andere wünschens- und erstrebenswert ansieht. Sie können durch Lebenskrisen geformt und verändert werden. Respekt kann man als einen Versuch verstehen, eine Person klar zu sehen, so wie sie ihrer eigenen Auffassung nach wirklich ist, und sie nicht nur durch einen Filter der eigenen Wünsche und Ängste oder Zu- und Abneigungen zu betrachten.

Respektvolles Verhalten ist ebenfalls der Versuch, die Welt aus der Sichtweise des anderen zu betrachten, ihn vor selbstschädigenden Entscheidungen zu bewahren und ihm mit Freundlichkeit zu begegnen. Aber auch Distanz und Zurückhaltung können Arten sein, jemandem respektvoll gegenüberzutreten.

Es werden zwei Arten von Respekt unterschieden: Einstellung und Verhalten. Die Einstellung kombiniert sich aus den Überzeugungen, Einstellungen, Emotionen und Motiven eines Menschen gegenüber einem anderen, während das Verhalten die Art und Weise ausdrückt, wie ein Mensch diese Einstellung präsentiert. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Menschen und seinem Verhalten. Den Menschen an sich respektiert man als Geschöpf und Mitmenschen. Sein Verhalten jedoch kann gleichzeitig verurteilt werden. Vergewaltigung als Handlung ist beispielsweise eine strake Verletzungen der physischen Integrität eines Menschen. Eine Verletzung der psychischen Integrität macht sich in Form der Manipulation, Demütigung und Verachtung bemerkbar. Jemanden zu respektieren bedeutet auch, seine psychologische und physische Integrität anzuerkennen. Menschen, die ihr Gegenüber abwerten, sie in ihrer Entscheidungsfreiheit einschränken und ihre Menschenwürde missachten, ihnen also keinen Respekt entgegenbringen, können der betroffener Person einen erheblichen Schaden zufügen. Manche Menschen reagieren auch mit einer psychologischen Reaktanz, d.h. die Person erzeugt einen Widerstand (ähnlich dem Trotz) gegen die Einschränkung ihrer Verhaltens- oder Entscheidungsfreiheit. Diese komplexe Abwehrreaktion wird in der Regel durch psychischen Druck wie Nötigung und Drohung oder die Einschränkung von Freiheitsspielräumen wie Verbote und Zensur ausgelöst. Hierbei spielt nicht das ausgelöste Verhalten, sondern die zugrunde liegende Motivation oder Einstellung, eine Rolle.

Die Kommunikation von Respekt findet auf verschiedenen Kanälen statt. Respekt kann verbal mit angemessener Wortwahl, nonverbal anhand Gestik, Mimik, Körperkontakt und paralinguistisch in Form eines Tonfalls ausgedrückt werden und hat zugleich einen direkten Einfluss auf das Wohlbefinden und Verhalten der respektierten Personen. Daher ist es sehr wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem die eigenen Werte gelebt werden können.

Selbstrespekt bedeutet, seine Verantwortungen ernst zu nehmen, insbesondere die Verantwortung, sein Leben so zu gestalten, dass es der eigenen Würde als Mensch gerecht wird. Selbstrespekt schließt auch das Bewusstsein dafür ein, wann das Verhalten anderer die eigene Würde missachtet und dieses Bewusstsein wiederum führt zu der autonomen Handlung, sich gegen ein solches Verhalten zur Wehr zu setzen. Sich selbst zu respektieren ist eine unterstützende Fähigkeit, bei dem Prozess, eine schlechte Gewohnheit abzulegen, zu einem selbstbestimmten Leben zurückzukehren oder Ungerechtigkeiten und Herabwürdigungen zu trotzen.

Fast jeder Wert steht im Widerspruch zu einem anderen Wert, und somit gilt es, die Werte nicht zu pauschalisieren. Wie bereits erwähnt drücken sich Werte und Persönlichkeit im Handeln von Menschen aus. Werte beinhalten eine Bewertung.

Es wird weiter zwischen einem bewertenden und einem anerkennenden Respekt unterschieden.

Der Bewertender Respekt sagt aus, dass die Leistung, das Handeln oder der Status einer anderen Person als positiv bewertet wird und dieser Person anknüpfend ein gewisses Maß an Selbsteinfluss zuzugestehen. Werden die Leistungen oder der Status einer Person jedoch negativ bewertet, so wird dieser der Einfluss auf die eigene Person aberkannt. Möglicherweise wird der Einfluss sogar mit Absicht unterbunden. Die Ausgewogenheit zwischen Respekt für andere und Respekt für die eigene Person hat eine hohe Bedeutung. Wenn jemand einer anderen Person sehr viel Anerkennung schenkt und schließlich einen so hohen Respekt vor ihr hat, dass dies den eigenen Selbstrespekt reduziert, ist dieses Ausmaß an Respekt als kritisch anzusehen. Es ist deshalb so wichtig, dass der bewertende Respekt für andere und der Selbstrespekt sich beharrlich in einer gesunden Balance halten.

Jegliche Einstellungen oder Handlungen, welche eine Person in ihrem Menschsein nicht achtet und die Unantastbarkeit ihrer Würde nicht anerkennt, können als Antiwerte des zu anerkennenden Respekts betrachtet werden. Gute Beispiele sind Demütigung, Verachtung, Ignoranz, Geringschätzung und Ausbeutung. Eine Person ausschließlich als Mittel im Sinne der eigenen Interessen und Zielerreichung anzusehen, sie also so zu betrachten oder zu behandeln, als ob ihr einziger Wert der Nutzen für die eigene Person wäre, ist demnach sehr respektlos.

Jemand, der keinen Respekt vor sich selbst hat, ist sich seines eigenen Wertes und der Würde als Mensch nicht bewusst oder leugnet diese. Dieser Mensch macht sich von anderen abhängig, wehrt sich nicht gegen Demütigungen und Ungerechtigkeiten und glaubt nicht an seine Fähigkeiten als autonom handelndes Individuum. Antiwerte zu Selbstrespekt können Unterwürfigkeit, Ergebenheit, Selbstverleugnung und Scham sein. Es kommt leider vor, dass manche Menschen ihr Leben nicht mehr als lebenswert empfinden, wenn sie den Respekt vor sich selbst verloren haben.

Um es nicht so weit kommen zu lassen, gibt es hilfreiche Sätze, um dem Selbstrespekt Schritt für Schritt näher zu kommen:

Jeder kann sich die Sätze nach seiner inneren Stimmung neu formulieren und verinnerlichen.

1.         Vielleicht ist es doch viel einfacher, sich respektvoll zu behandeln, als ich es mir jetzt vorstelle.

2.         Es wäre schön, wenn ich den Selbstrespekt mir gegenüber doch ganz einfach verinnerlichen könnte.

Wenn die ersten beiden Sätze gut aufgenommen wurden, folgt eine Steigerung:

3.         Ich bin überzeugt, dass ich es leicht schaffe, mir Selbstrespekt zu erweisen.

4.         Ich glaube, ich schaffe es auf jeden Fall, mich respektvoll zu behandeln.

Fazit:

Respekt gegenüber anderen und Selbstrespekt sind eng miteinander verbunden. Andere zu respektieren, wenn man sich selbst nicht respektiert ist nahezu unmöglich. Der Respekt gegenüber der eigenen Person steht im starken Zusammenhang damit, dass der andere einem ebenfalls respektvollen Umgang schenkt.

 

Autor: Sabina Henzel

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