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Ghosting - ein heikles Thema -

 

Ghosting

 

Warum ghosten manche Menschen?

 

Das Thema Ghosting ist ein Wunsch einer meiner Leserin. Für sie steht die Frage im Fokus, warum es in unserer Gesellschaft so weit gekommen ist, dass sich Menschen kommentarlos den Rücken kehren.

 

Was ist Ghosting eigentlich? Die Wissenschaft der Psychologie kennt dieses Phänomen unter diesen modernen Namen noch nicht. Es gibt keinerlei Untersuchungen dazu und somit auch keine stichhaltigen Ergebnisse.

 

Das Phänomen Ghosting ist dennoch vorhanden, und wird sogar als ein negativ auffallendes Verhalten bewertet. Viele Menschen kamen zu dieser subjektiven Erkenntnis und Empfindung, nachdem sie die schmerzhafte Erfahrung machten, einen geliebten Menschen ganz plötzlich zu verlieren.

 

 

Die wichtigsten Fragen sind: Was ist Ghosting überhaupt und warum passiert es mir und auch anderen Menschen? Wie kann ich mich vor Ghosting, oder anders ausgedrückt, vor Menschen, die ghosten, schützen? Warum ghosten manche Menschen, was steckt hinter diesem Verhalten? Warum reagiere ich selbst so heftig auf das Ghosten? Welcher Wert steckt hinter meinem Gefühl?

 

Zunächst einmal bewerten wir Menschen IMMER und in jeder Situation, das, was uns gut tut und was nicht. Für manch einen ist das Ghosten ein echt übles Verhalten, ein anderer kommt wiederum gut damit klar und denkt nicht weiter darüber nach.

 

 

  •  Ghosting ist in erster Linie einfach nur.
  •  Es ist.
  • Ghosting ist, plus das, wofür du es hältst. Sprich, wie du es selbst aufgrund deiner Erfahrung und Einstellung bewertest.

 

Damit eine Bewertung stattfindet, ist die Voraussetzung dafür eine individuelle Erfahrung. Welche Bedeutung das Ghosting für mich hatte, war mir bis vor Kurzem nicht bewusst. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto klarer und schmerzhafter waren meine kindlichen und jugendlichen Erinnerungen.

 

 

Alles, was ein Mensch verdrängt, holt ihn wieder ein. Und zwar dann, wenn er es am Wenigsten gebrauchen kann.

 

Ich war circa acht Jahre alt, als meine Mutter sich von meinem Vater trennte und zu einem anderen Mann zog. Sie nahm mich natürlich mit, meinen Bruder ließ sie bei meinem Vater. Natürlich kann es auch sein, dass er gar nicht mitkommen wollte. Schließlich war er ja schon erwachsen.

 

Wohl fühlte ich mich nicht. Abgeschnitten von meinem Vater und Bruder, von meiner besten Freundin und meiner vertrauten Umgebung. In der neuen Schule fiel ich mit meinem bockigen Verhalten auf.

 

Der Weg zu meinem Vater war gefühlt weit. Doch ich stieg trotzdem mutig in den Bus und büxte meiner Mutter ständig aus. Mit diesen Aktionen kompensierte ich die Trennung meiner Eltern. Ich holte mir auf diese Weise die väterliche Nähe, von der ich getrennt war.

 

 

Das reinste Chaos!

 

Leider schmiedete meine Mutter noch einen anderen teuflischen Plan aus. Sie trennte sich von ihrem *neuen* Freund, schnappte sich meinen Bruder und mich und wanderte nach Deutschland aus. Mit knapp zehn Jahren verlor ich jeden einzelnen Kontakt, den ich in meinem Geburtsland Polen hatte. Weder zu meinem Vater noch zu meinen Freunden war der Weg offen. Zack und weg! Ob meine Mutter sich damit gut fühlte? Tja, das weiß ich leider nicht, denn sie sprach nicht darüber und zeigte kaum Emotionen. Ihr Gesicht war meistens wie versteinert. Natürlich konfrontierte ich sie mit meinen Gefühlen, doch vergebens. Sie reagierte gar nicht. So, als wüsste sie gar nicht, welche Reaktion jetzt angemessen sei.

 

Wir lebten für eine Weile bei meiner Oma in Alsdorf. Dort schloss ich neue Freundschaften und ging wieder in eine neue Schule. Die deutsche Sprache lernte ich recht zügig. Leider hielt die Wohnsituation nicht lange an. Meine Mutter lernte wieder einen Mann kennen und zog direkt bei ihm ein. Doch er trank. Warum zieht meine Mutter zu einem Mann, der trinkt, fragte ich mich damals. Wozu soll das gut sein? Jedenfalls verlor ich wieder meine neu gewonnenen Kontakte aus Alsdorf. Vor allem zu meiner besten Freundin Verena. Die Beziehung zu dem Trinker hielt natürlich nicht lang. Wir zogen schließlich nach Aachen. Und wieder fing alles von vorne an. Neue Schule, neue Freunde. Keinen Kontakt zum Alsdorfer Umfeld. Zack, weg!

 

 

Das reinste Chaos!

 

Ghosting pur!

 

Meine Mutter schnitt sich von allen Kontakten ab und mich gleich mit. Mein Bruder behielt seine. Bis heute. Doch er war ja schon 20 Jahre alt und hatte es selbst in der Hand. Ich verstand, dass ich als Kind machtlos gegenüber Entscheidungen von Erwachsenen bin. Weinen, toben, schreien half leider nicht. No way! Keine Kontakte!

 

Viel zu oft schnitt sie mich nach meinem Empfinden von meiner jeweils vertraut gewonnenen Umwelt ab. Ich konnte nicht erkennen, dass es ihr dabei schlecht ging. Sie sprach nicht darüber und zeigte auch keine Emotionen. Aber sie fing an zu trinken. So kann ich jetzt nur spekulieren, dass es ihr doch nicht gut ging. Ghosting ist keine feine Sache, doch manche Menschen machen das einfach. Womöglich glauben sie, dass es nicht anders geht. Es ist ja schließlich eine Form eines Lösungsweges. Wie kam sie zu dieser Strategie? Ich tippe einfach darauf, dass sie das Verhalten aus ihrer eigenen Familie kennt. Meine Oma flüchtete auch von ihrem Mann nach Deutschland, emotionslos.

 

Ein Mensch gibt nur das weiter, was er selbst wahrnimmt und lernt!

 

Erst, wenn er alles Verhalten hinterfragt, kann er zum Bewusstsein gelangen und reflektieren. Bin das ich? Würde ich so handeln oder ist das eine Form von Fremdsteuerung?

 

Meine Mutter stellte sich diese Fragen womöglich nicht. Jedenfalls handelte sie nicht so, als ob sie zu einem erwachten Bewusstsein gelangt sei. Im Gegenteil. Sie ließ sich fallen und trank immer mehr, bis sie starb. In meinen Augen gab sie auf. Sie gab sich selbst auf.

 

Sie bekam die Aufmerksamkeit nicht, die sie von ihrer Mutter brauchte. Damals verstand ich das nicht. Sie telefonierte hinter ihr her, tat eigenartige Dinge, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch es reichte nie. Ihre Mutter war emotional nicht zu erreichen. Meine Mutter verstand nicht, dass es nichts mit ihr zu tun hat und sie kein schlechter Mensch ist. Sie verstand nicht, dass ihre Mutter stark im Ego lebte und nicht im erwachten Bewusstsein. Die Aufmerksamkeit, lobende Worte sowie liebevolle Gesten blieben aus. Stattdessen lag der Fokus auf Schwächen und Fehlern.

 

So kann doch kein Mensch wirklich glücklich sein. Leider hat das destruktive Verhalten eine enorme Macht, solange man selbst im Ego lebt.

 

Wieso ghosten manche Menschen? Wahrscheinlich, weil sie dieses Verhalten vorgelebt bekamen und es folglich immer wieder unbewusst selbst anwenden. Ohne zu hinterfragen, warum. Ohne Reflexion.

Warum schmerzt es das erwachsene Gegenüber? Wahrscheinlich, weil das Gegenüber noch nicht erwachsen ist. Es ist der Schmerz eines kleinen Kindes, welches mit Verlusten, Frust und emotionalen Stress noch nicht umgehen kann.

 

Ideal wäre, wenn beide Parteien zum erwachten Bewusstsein gelangen und jeder für sich diesen Schmerz überwindet. So lange beide sich jeweils auf das Verhalten des anderen fokussieren, findet keine Selbstreflexion statt.

 

In meinen Augen leiden beide. Sowohl der Ghoster als auch der Geghostete.

 

 

Erst nach dem Tod meiner Mutter verstand ich, dass auch ich hinter ihrer Aufmerksamkeit her war. Ich tat manchmal Dinge, die echt nicht gingen. Natürlich hatte ich auch eine Phase, in der ich trank und Zigaretten rauchte. Wie meine Mama. Ich fühlte mich nur nicht wohl damit. Es war nicht meins.

 

Mit Schwierigkeiten gehe ich heute anders um. Ich handle. Ich lerne. Ich hinterfrage. Und ja, es ist oft unangenehm und wirklich nicht leicht. Mir ist auch klar, dass das ein ewiger Weg bleibt. Ich bin die Ursache und meine Umwelt die Wirkung. Ich übernehme Verantwortung.

 

Ghosting stellt für Menschen eine Herausforderung dar. Ganz gleich, warum der andere so handelt, ist es wichtig für dich selbst herauszufinden, warum du so sehr darunter leidest. Was ist die Ursache für deinen Schmerz? Welchen Weg kannst du gehen, um diesen Schmerz zu überwinden? Was tut dir in so einer Situation gut?

 

Verändern kannst du letztendlich nur deine eigene Sichtweise. Und der Ghoster hat ebenfalls die Möglichkeit, über sein Verhalten zu reflektieren und es zu ändern. Ob er schon dazu bereit ist, ist eine ganz andere Geschichte. Jeder hat sein Tempo.

 

Persönlich ziehe ich aus dieser Erfahrung, dass ich als Kind tatsächlich machtlos bin gegenüber den Entscheidungen meiner Erziehungsberechtigten. Jedoch habe ich als Erwachsener die Möglichkeit, über alle Situationen und Verhaltensweisen zu reflektieren und für mich selbst zu entscheiden.

Niemand muss und niemand soll für mich entscheiden!

Fremde Entscheidungen über mich selbst fühlen sich für mich wie eine Last an. Es macht mich unbeweglich. 

Doch ich möchte mich leicht und erfüllt fühlen. Mich bewegen. Und etwas bewegen in dieser Welt.

 

 

Alles ist möglich!

Vorausgesetzt, du kannst es glauben.

 

Und so geschah es. 1992 verloren wir uns aus den Augen, 2019 fanden wir wieder zueinander.

Meine damalige beste Freundin Verena aus Alsdorf nimmt nach so vielen Jahren nochmal an meinem Leben teil.

 

Dankbarkeit und Freude erfüllen mich.

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